Spanien ist das Immobilien-Boomland Europas. Vergangenes Jahr wurde der Bau von 860.000 Häuser begonnen, mehr als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Im letzten Jahrzehnt waren es im Schnitt 750.000 pro Jahr. Wer braucht so viel Wohnraum?
Schätzungen zufolge werden jährlich 500.000 neue Haushalte in Spanien gegründet. Die restlichen 250.000 wurden bisher Investoren angeboten, und die standen Schlange. Kein Wunder bei den Renditen: In den vergangenen zehn Jahren verteuerte sich Wohnraum um 200 Prozent und mehr - der durchschnittliche Quadratmeterpreis stieg von 686 auf 2.024 Euro. Karrieren vom Polier zum Millionär waren kerne Seltenheit. Die Zahl der Spanier, die auf mehr oder weniger legale Weise mit Bau- und Immobiliengeschäften reich geworden sind, ist groß.
Stimmen, die vor einer Überhitzung des Markts warnten, verhallten bisher meist ungehört. So ließ die Nationalbank schon vor längerem verlauten, die Immobilien im Land seien um 35 Prozent überbewertet. Hellhörig wurden Branchenkenner aber, als die Kreditinstitute La Caixa und Banco Sabadell unlängst ihre Immobiliensparten verkauften.
Der Anfang vom Ende
Bauriesen wie Ferrovial und Acciona leiten ihr Geld zunehmend in andere Branchen wie den Energie- oder Dienstleistungssektor um. Den Absturz des Immobilienkonzerns Astroc Mediterraneo an der Madrider Börse im April sehen viele als Anfang vom Ende der Immo-bilienblase.
Dass die fetten Jahre vorbei sind, hat sich herumgesprochen. Seit dem vergangenen Sommer sind die Wohnungsverkäufe um 25 Prozent zurückgegangen. Und auch die Preise steigen nicht mehr wie früher. Nach 18 Prozent 2005 waren es im vergangenen Jahr nur noch sieben Prozent. Einige Immobilienfirmen versuchen, Käufer mit Geschenken wie Urlaubsreisen zu locken.
Unstimmigkeit aber herrscht darüber, ob es nun zum großen Krach oder zu einer Marktkorrektur kommt. An die weiche Landung glaubt Jose Ferrando, Leiter des Lehrstuhls für Städtebau an der Polytechnischen Universität Valencia. „Für Investoren sind andere Gegenden Europas attraktiver als Spanien", sagt er. Das Angebot werde deshalb der Nachfrage folgen und allmählich zurückgehen, sich schließlich auf einem Niveau einpendeln, wie es im Rest Europas herrsche. Höchstens Finanzinvestoren, die allzu blauäugig auf den Immobilienzug aufgesprungen seien, hätten Grund zur Sorge.
Jose Garda Montalvo, Wirtschaftsprofessor, ist anderer Meinung: Selbst wenn Banken und Immobilienfinnen abwiegelten: „In der Immobilienbranche gibt es keine weichen Landungen. „Die Fiesta Inmobiliaria ist vorbei", zitiert ihn die Zeitung El Pais.
Auch andernorts werden die Analysten vorsichtiger. „Wir sind bislang der Meinung gewesen, dass die Nachfrage nach Immobilien in Spanien durch Faktoren wie etwa eine hohe Zuwanderungsrate, der Tendenz hin zu mehr Wohnraum pro Kopf und ein gutes Wachstumsumfeld in der Eurozone gestützt wird und somit eine weiche Landung bevorsteht", heißt es im „Bond Weekly" der HSH Nordbank vom 26. April. Die Analysten behalten diese Einschätzung grundsätzlich bei, raten aber nun, Spanien „im Auge zu behalten".
Dass Wohnungen mehr sind als ein reines Spekulationsobjekt, macht die besondere Dynamik des Themas aus. Unter den Kunden, die spanische Immobilien kaufen, kommen - entgegen der allgemeinen Einschätzung - derzeit nur 1,6 Prozent aus dem Ausland. 84 Prozent der Spanier haben eine eigene Wohnung oder ein Häuschen.
Dabei könnten sich das viele eigentlich gar nicht leisten. Weil jedoch die Banken in der Vergangenheit äußerst großzügig mit Hypothekendarlehen waren und Kredite über 100 Prozent des Kaufpreises mit bis zu 50 Jahren Laufzeit andienten, wurden sie zu Hausbesitzern auf Pump. Seit 1999 hat sich die Verschuldung der Privathaushalte verdreifacht, davon gehen 90 Prozent auf das Konto der Immobilien.
Damoklesschwert Zinsen
Problematisch ist, dass Hypothekendarlehen in Spanien fast ausschließlich zu variablen Zinssätzen vergeben wurden. Während der ausgesprochenen Niedrigzinsphase der vergangenen Jahre war das günstig, die Raten blieben bezahlbar. Nun steigen der Europäische Leitzins und der Referenzwert Euribor, die monatliche Belastung wird höher. Weil Spanien Teil der Eurozone ist, kann auch die spanische Notenbank darauf nur begrenzt reagieren. Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf 4,25 oder gar 4,5 Prozent erhöhen, könnten für viele die Kreditraten unbezahlbar werden.
„Die Banken haben für solche Krisenfälle vorgesorgt und kommen meist mit einem blauen Auge davon", sagt Heinz-Peter Spahn, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Schlimmer treffe es die verschuldeten Hauskäufer: „Die fallen in ein Liquiditätsloch."
Angesichts der ersten Anzeichen für ein Platzen der Immobilienblase zeigen sich viele Immobilienbesitzer besorgt. Die Tageszeitung „El Pais" beantwortete vier häufige Fragen.
Wer ist vom Absturz der Bauunternehmen an der Börse betroffen?
Vorerst trifft sie nur die Aktionäre der betroffenen Bauunternehmen wie Astroc, Colonial und Urbas. Analysten vermuten, dass sich Kleinaktionäre nun vermehrt aus Immobilienwerten zurückziehen werden.
Ist dies ein guter Moment zum Verkaufen?
Ja, je früher, desto besser. Wer kaufen will, sollte dagegen noch etwas warten. Möglicherweise müssen Immobilienverkäufer die Preise, die sie erzielen wollen, nach unten korrigieren.
Schon jetzt sitzen viele tief in der Schuldenfalle.Mehr als die Hälfte aller Spanier gab bei einer Umfrage des Nationalen Statistik-Instituts INE an, mit dem verfügbaren Einkommen nur schwer bis zum Monatsende auszukommen. Nicht selten gehen 60 Prozent vom Lohn für die Hypothekenzinsen drauf.
Die Auswirkungen zeigen sich bereits: „Mehr als 50 Prozent derer, die jetzt eine Wohnung zum Verkauf anbieten, tun es, weil sie ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können", berichtet Danny Froreich, Makler in Torrevieja an der Costa Bianca: „Seit vier Wochen kommen massiv Immobilien auf den Markt, bei denen die Zwangsversteigerung ansteht", so Froreich, der seit 1989 Wohnungen an der Costa Bianca verkauft.
Wie teuer können die Hypothekenzinsen werden?
Eine Erhöhung des Europäischen Leitzinses auf vier Prozent im Juni ist wahrscheinlich, ebenso eine Erhöhung bis Jahresende auf 4,25 Prozent. Im Euribor sind diese Erhöhungen jedoch schon einkalkuliert: Er könnte sogar wieder sinken.
Woran zeigt sich das Ende des Booms?
Die Immobilienpreise sind im Jahr 2006 nur noch um sieben Prozent gestiegen, die Verkäufe sind seit vergangenem Sommer um 25 Prozent zurückgegangen.
Ohne Bauboom keine Jobs
In der Tat droht ganzen Wirtschaftszweigen eine Schieflage: So schließen an der Costa del Sol und der Costa Bianca nun fast täglich Immobilienbüros. Mieten statt kaufen heißt der Rat, den Banken mittlerweile jungen Leuten auf Wohnungssuche erteilen.
Hart treffen würde ein Immobiliencrash vor allem die Beschäftigten der Baubranche, die 18 Prozent der spanischen Wirtschaft ausmacht und für einen Großteil des Wachstums verantwortlich ist. 56 Prozent der Unternehmen in Marbella hängen von der Bau- und Immobilienbranche ab. Etwa jeder dritte Arbeitsplatz an der Costa del Sol ist mit der Bautätigkeit verbunden. Immigranten aus Lateinamerika und Osteuropa finden in dieser Branche scharenweise ihr Auskommen.
Seopan, die Denkfabrik der spanischen Bau- und Immobilienwirtschaft, hat errechnet, dass 100.000 weniger gebaute Wohnungen im Jahr den Verlust von 200.000 Arbeitsplätzen bedeuten würden. Die Arbeitslosenquote, derzeit bei 8,5 Prozent, könnte in einigen Gegenden Spaniens in die Höhe schnellen.
„In diesem Fall bliebe dem spanischen Staat nur, massiv gegenzusteuern und ein Investitionsprogramm für die Baubranche, etwa mit neuen Autobahnen, zu starten", so der Stuttgarter Volkswirt Spahn. Die möglichen Auswirkungen eines Immobilienkrachs in Spanien auf den Rest Europas schätzt er eher gering ein:
„Die europäische Konjunktur, die sich gerade erholt, wird vom spanischen Fall allein nicht in die Knie gezwungen."
Credit: http://community.livejournal.com/isic_costa/5346.html